APOCALYPTICA
Lombardo sei Dank!
LIVE am 19.10.2010 im Planet.tt im Gasometer
by Mike
Wer hätte 1996 - als „Plays Metallica By Four Cellos“ erschien - gedacht, dass sich die als reines Spaßprojekt gestarteten APOCALYPTICA mit ihrem Cello-Metal dermaßen lange behaupten, diverse Charts stürmen und Millionen von Platten verkaufen würden ? Der Verfasser dieser Zeilen jedenfalls nicht, ebenso wenig wie Gründungsmitglied Paavo Lötjönen, der mir im Rahmen eines gemütlichen Pressenachmittags im Wiener Hotel „DasTriest“ Details zum neuen Album „7th Symphony“ (Sony) und zur lebhaften Vergangenheit seiner immer noch außergewöhnlichen Band verriet... |
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Paavo, das ist nun bereits euer fünftes Album mit Eigenkompositionen. Ist es für euch mehr Herausforderung, eigene Sachen zu schreiben, oder waren die Cover-Geschichten zu Beginn eurer Karriere interessanter?
Nun, als wir damals an die Arbeiten zum dritten Album gingen, wollte unsere damalige Plattenfirma noch ein weiteres Album mit Coverversionen haben. Sie wollten, dass wir was von MOTÖRHEAD covern, klassische Rocksongs und so Zeug eben. Aber wir hatten damals das Gefühl, dass unsere Cover-Ära vorbei ist, wir wollten uns verändern und Neues erschaffen. Das mit den Covers war für uns nach zwei Platten ausgereizt, es gab uns einfach nicht mehr so viel wie am Anfang.
Das Ganze endete in einem Rechtsstreit, der sich aber dann zu unseren Gunsten entschied. Das ist der Hintergrund von „Cult“: es zeigte uns die andere Seite von APOCALYPTICA und war sicherlich die folgenreichste Entscheidung, die wir als Band bislang getroffen haben. Wenn „Cult“ damals nicht nach unseren Vorstellungen gelaufen wäre, wären wir wahrscheinlich jetzt nicht mehr hier. Und so sind es doch sieben Alben und fünfzehn tolle Jahre geworden!
Hat die Zahl 7 für dich eine bestimmte Bedeutung ?
Nein, nicht wirklich. Es ist halt einfach nur das siebente Album, und es klang im Kontext mit „Symphony“ toll. Es sind ja viele symphonische Elemente auf der Scheibe, aber es ist insgesamt auch massiver und durchstrukturierter als unsere früheren Alben. Noch dazu ist es sehr abwechslungsreich ausgefallen, wir haben bewusst verschiedene Stile eingearbeitet. Es sind sehr progressive, teils komplizierte Strukturen in den Songs, die dadurch auch bis zu acht Minuten dauern. |
Du meinst wahrscheinlich „At The Gates Of Manala“ und „Rage Of Poseidon“ – die beiden Eckpfeiler des Albums sind ja schon in sich kleine Symphonien...
Da hast du recht. Und daher kamen wir auch auf „Symphony“. Aber es sind auch Songs drauf, die in die entgegengesetzte Richtung gehen, thrashiger sind. Oder so wie das Instrumental „Beautiful“ eher in die melancholische Ecke laufen. Die vier Tracks mit den Gastsängern haben wiederum diesen rockigen, straighteren Touch. Die haben wir auch traditioneller arrangiert, so wie die Single „End Of Me“, die ja in Amerika bereits erschienen ist. |
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Ihr habt ja in Amerika kürzlich ein paar Festivals gespielt. Wie war´s?
Es war toll! In den letzten zwei Jahren sind wir oft in den Staaten gewesen, und das Airplay für „Worlds Collide“ damals war drüben ganz gut. Wir landeten sogar auf Platz eins damit...
Funktioniert eure Musik demnach auch in Amerika gut?
In Amerika gibt es so viele Musikstile, die man tagtäglich irgendwo hört. Die haben halt immens viele kleine Radiostationen da, und wenn man das Airplay von allen zusammenzählt, scheint das Ganze prima zu funktionieren. Ich hab da irgendwo zuhause noch so einen Zeitungsausschnitt mit der Chartstabelle, da sind wir auf Platz eins, METALLICA auf Platz zwei, dann kommen erst AC/DC und so.... [Paavo grinst zufrieden]
Eigentlich witzig, wenn man bedenkt. wie alles angefangen hat, oder?
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Ja schon. Als wir 1996 unser erstes Album in den Staaten veröffentlichten, waren wir erstaunt, wie viele Leute - vor allem Musiker - das Material toll fanden. Damals haben wir ja noch nicht mal drüben getourt. Seitdem wurden unsere Alben drüben eigentlich nicht wirklich ordentlich veröffentlicht, bis auf „Worlds Collide“. Es ist also eigentlich immer noch Neuland für uns wenn du so willst. Die Leute kennen uns halt, weil wir sehr viel live in Erscheinung getreten sind. Gleichzeitig müssen wir aber auch an unsere europäischen Fans denken, wenn man plötzlich in der ganzen Welt unterwegs ist, bleibt halt für die jeweiligen Länder nur mehr wenig Zeit. Deswegen werden wir auf der Tour, die im Herbst startet, nur noch in wichtigen europäischen Städten spielen. Im Oktober sind wir ja dann hier in Wien, und wahrscheinlich im Frühjahr 2011 auch. |
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Schön, dass ihr Wien zu den „wichtigen Städten“ zählt...
Ihr spielt ja dann bei uns im Planet.tt im Gasomter. Mögt ihr die Location ?
Ja, definitiv! Ich glaube wir haben ja schon zwei mal da gespielt, es ist gerade nicht zu gross, und dadurch immer noch relativ persönlich. Und die erste Reihe vom Publikum ist schön nah an der Bühne, was auch irgendwo wichtig ist, wenn man mit den Fans ein wenig kommunizieren möchte.
Auf „7th Symphony“ habt ihr mit drei Gastsängern (Gavin Rossdale von BUSH, Joseph Duplantier von GOJIRA und Brent Smith von SHINEDOWN) und einer Sängerin (Lacey von FLYLEAF) gearbeitet. Haben die auch eigene Ideen in die Songs mit einbringen können, oder habt ihr die Tracks quasi auf die jeweiligen Leute zugeschnitten ?
Also, am meisten Einfluss auf „seinen“ Song hatte wahrscheinlich Joseph Duplantier. „Bring Them To Light“ ist dadurch auch ein recht intensiver Song geworden denke ich. Die anderen Songs waren aber bereits fertig, als wir sie den jeweiligen Leuten übergaben. Aber jeder hat dann noch die Lyrics ein wenig verändert, da und dort ein paar Kleinigkeiten dazugetan oder weggelassen. Im Grunde genommen waren „End Of Me“ , „No Strong Enough“ und „Broken Pieces“ aber fertig.
Ihr habt schon mit so vielen Künstlern, Musikern, Sängern zusammen gearbeitet. Wer war rückblickend die schönste Erfahrung, mit wem hattet ihr am meisten Spass ?
Als wir Dave Lombardo (der einzig wahre SLAYER-Drummer; d.Verf.) für „Reflection“ fragten, ob er uns ein paar Stücke eintrommeln möchte, war das wahrscheinlich eine recht folgenschwere Zusammenkunft. Dave ist der Grund dafür, dass wir heute einen fixen Drummer (Mikko Sirén; d. Verf.) bei APOCALYPTICA haben. Dave spielte damals fünf Stücke für uns ein, und die haben einen bleibenden Eindruck bei uns hinterlassen. Natürlich versuchen wir nach wie vor, auch viele Stücke zu schreiben, wo wir auf einen Drummer verzichten können. Andereseits braucht man live auf Tour ein Schlagzeug, das der Musik einen gewissen Drive gibt. Es hat keinen Sinn, auf Festivals – wo ja alle nur Party machen wollen – mit irgendwelchen sentimentalen Akustik-Songs daherzukommen.
Ich habe euch ja vor einigen Tagen am Sonisphere in Knebworth gesehen, und hätte mir nicht gedacht, dass ihr auch vor grossem Publikum, zwischen Bands wie PAPA ROACH und SKUNK ANASIE so toll funktioniert!
Das kommt wahrscheinlich daher, weil wir in Wirklichkeit ne Partyband sind ! Hehehehe (na urlustig… Andi). Wir können live schon ganz schön Stimmung machen. wenn wir wollen...
Glaubst du, dass die Leute durch euch heute anders an das Instrument Cello herangehen als früher? Vor euren METALLICA-Adaptionen wussten ja die wenigsten, dass es dieses Instrument überhaupt gibt...
Naja, wir sagen immer, wir haben dieses Instrument einfach nur neu definiert. Das was wir spielen, sind ja nicht mehr die normalen Cellos, wie man sie aus der Klassik kennt. Es sind eher schon Monster-Cellos, hehe (eine Stimmungs-Kanone… Andi)!
Aber es ist immer noch ein Cello. Denkst du nicht, dass nach 1996 plötzlich viele Leute mit dem Cello spielen angefangen haben ? |
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Also ich kenne einige Stories über Kids, für die APOCALYPTICA quasi der Zugang zu ihrer Cello-Karriere war. Und es ist mittlerweile scheinbar Brauch geworden, dass Studenten klassischer Musik auch APOCALYPTICA-Songs spielen, oder irgendwelche Songs auf ihrem Cello covern. Für mich ist wichtig, dass sie mit ihrem Instrument Spass haben. Es ist auch wichtig, Cello-Studenten nicht mit einem spezifischen Stil zu nerven – sie sollen alles ausprobieren können.
Es gibt da eine amerikanische Girl-Kapelle, die METALLICA-Songs auf Harfen spielen. Die heissen HARPTALLICA. Fällt mir nur grad so ein...
Wirklich? Das ist ja stark...das klingt sicher lustig (sicher… Andi). |
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| Das kannst du annehmen. Und dann gibt’s da noch ne Berliner Combo namens COPPELIUS, die sich auch auf Cellos spezialisiert haben. Die sind sicher auch irgendwo von euch beeinflusst worden denke ich.
Hm, also von denen hab ich noch nix gehört. Aber schreib mir das mal auf!
Welchen Song auf „7th Symphony“ magst du am meisten, und warum ?
Also, „Wake Of Poseidon“ ist eigentlich da mein Favorit. Da ist viel Abwechslung drin, viele verschiedene Stimmungen, Tempiwechsel. „Beautiful“ finde ich – wie ja der Name schon sagt – einfach nur schön, ein sehr ruhiges, melancholisches Stück, beinahe schon reine Klassik. Aber „Wake Of Poseidon „ und „At The Gates Of Manala“ sind wirklich geil zu spielen. Wahrscheinlich, weil sie nicht gerade die leichtesten Stücke sind, und mich als Musiker fordern. Aber das wollten wir ja, wir wollten von Haus aus eine vielfältige, progressiv angehauchte Stilpalette auf dem Album. Wir wollten es uns selber auch nicht zu leicht machen. Bei „End Of Me“ oder „Broken Pieces“ haben wir aber andersrum gearbeitet, um den Hörern einen einfachen Zugang zu geben.
Ihr hattet mit Joe Barresi (u.a. BAD RELIGION, MELVINS, ISIS...) und Howard Benson (u.a. PAPA ROACH, SEPULTURA, CREED...) gleich zwei erfahrene Producer am Start gehabt. Hat das geholfen, das Album in seiner Stilvielfalt noch weiter auszubauen?
Also, Joe Barresi war der Hauptproducer. Howard Benson war nur dabei, weil Lacey und Brent Smith bereits mit ihm gearbeitet haben. Mit Sängern muss man da immer ein wenig sensibel umgehen, da ist es gut wenn ein Producer dabei ist, der bereits mit denen gearbeitet hat.
Joe Barresi ist ein Traditionalist, der Sachen wie ProTools und diese ganzen Plugins irgendwo ganz hinten anstellt. Die Drums beispielsweise sind eigentlich eins zu eins aufgenommen worden, ohne Overdubs und ohne Effekte.
Aber das hört man den Songs auch an.
Ja, das soll man auch hören. Es soll alles „live“ sein, das ist seine Herangehensweise. Joe möchte es erdig halten und nicht irgendwelche überflüssigen künstlichen Effekte einbauen, die die Musik nur überladen. Dadurch haben wir diesmal so richtig alte Röhren-Amps verwendet, und wir hatten ein ganzes Arsenal an Analog-Pedalen und so richtig prähistorischem Zeug.
Dadurch konnten wir teilweise wirklich den Moment eingefangen, und Joe hat an seinen uralten Knöpfen gedreht um das beste aus dem Sound rauszuholen. Dadurch hat es irrsinnig Spass gemacht, die zehn Tracks aufzunehmen. Joe ist halt noch so ein richtiger Sound-Wizard der alten Schule.
Viele Bands kehren heute wieder zu altem Equipment zurück, die Zeit der überkandidelten Steril-Produktionen dürfte vorbei sein...
Durch zu viel Effekte und Nachbearbeitungen verliert ein Song oft seine Seele. Howard Bensons Studio ist komplett vollgerammelt mit alten Geräten. Moogs, Neve-Desks und uralte Pre-Amps stehen da rum. ProTools verwendet er eigentlich nur noch ganz am Schluss, für den allerletzten Feinschliff. In Amerika gibt es einige Producer, die sich auf diese fetten Vintage-Sounds spezialisiert haben. Ich halte das für sehr clever. In Europa sind sie da noch nicht ganz soweit – da muss alles am letzten technischen Stand sein. In Finnland findest du kein einziges Studio, das nicht vor lauter Technik aus allen Nähten platzt...
Angefangen habt ihr damals eigentlich mit vier Cellos. Ist es für euch letztendlich besser mit drei oder mit vier Instrumenten zu spielen ?
Auf der letzen Tour hatten wir Antero (Manninen; d.Verf.) dabei, der bei der Gründung von APOCALYPTICA ja auch dabei war. Aber er hat dann eine Stelle im finnischen Philharmonie-Orchester bekommen, und musste sich immer frei nehmen, wenn er mit uns auf Tour war. Das geht jetzt leider nicht mehr.
Für uns ist es eigentlich zu dritt schwieriger. Zu viele Cellos sind auch nicht gut, aber mit drei Instrumenten können wir einige alte Songs eigentlich gar nicht mehr spielen. Das ist, als wenn du Songs für zwei Gitarren schreibst, und dann alles nur mit einer Gitarre spielen musst…
Na dann hoffen wir, dass APOCALYPTICA bei ihrer Planet.tt-Show am 19. Oktober genug Instrumente dabei haben ;-)
www.apocalyptica.com
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